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Zu psychischen Störungen des Kindes- und Jugendalters

"Ist das noch normal?"

Eltern, aber auch viele Erwachsene, die mit Kindern und Jugendlichen in Schule, Beruf oder Freizeit zusammenarbeiten, stellen sich nach Beobachtung von deren Verhaltensweisen oder Gefühlen von Zeit zu Zeit diese Frage in verschiedenen Varianten:

Sind die Ängste des Kindes noch normal? Ist die Traurigkeit nach dem Verlust des Haustieres normal oder schon eine Depression? Hat das Kind das schlimme Erlebnis wirklich verarbeitet? Macht es gerade eine schwierige Phase durch, oder sind die Schulhofschlägereien Ausdruck seelischer Not? Ist es nur ein wenig aufgeregt vor den Prüfungen, oder hat es so panische Angst, dass es deutlich unterhalb seiner Möglichkeiten bleibt? Damit verbunden ist häufig die Frage, ob "man da was tun muss".

Im Kindes- und Jugendalter ist diese Frage besonders schwer zu beantworten. Es fällt uns relativ leicht zu beurteilen, ob ein Erwachsener sich "noch normal" verhält, aber Kinder und Jugendliche, die noch im Wachstum und auf der Suche nach ihrer ganz persönlichen Identität sind?

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten versuchen, auf Grundlage genauer Kenntnisse der Entwicklungspsychologie und Entwicklungspsychopathologie Antworten hierauf zu finden. Bevor eine Therapie beginnt, muss Zeit für eine genaue Diagnostik eingeräumt werden. Dabei kommen Fragebögen, spielerische projektive Verfahren, eine sehr genaue mündliche Anamnese und manchmal auch Tests zum Einsatz. Das Ziel dabei ist, möglichst genau herauszufinden, ob es sich um eine behandlungsbedürftige psychische Störung handelt, d.h. eine deutliche Abweichung von der üblichen Entwicklungsphase, die bedeutsamen Leidensdruck erzeugt.

Eine Behandlung kann sinnvoll sein, wenn das Kind massiv leidet, wenn anzunehmen ist, dass die Störung die Entwicklung bis ins Erwachsenenalter hinein beeinträchtigt, wenn das Kind sich zurückzieht und seinen natürlichen Entwicklungsaufgaben nicht oder nur noch mit großen Schwierigkeiten nachgehen kann. In diesen Fällen ist sehr wahrscheinlich, dass eine behandlungsbedürftige psychische Störung vorliegt. Dies ist immerhin bei 10-20 % (!) der Kinder und Jugendlichen weltweit der Fall (hierzu).

"... Nicht einfach abwarten?" - "Verwächst sich das nicht auch so?"

Leider nein. Oder genauer: Das ist bei Vorliegen einer psychischen Störung im o.g. Sinne sehr unwahrscheinlich. Das Risiko, dass eine psychische Störung im Kindes- und Jugendalter bis ins Erwachsenenalter persistiert, ist hoch (hierzu). Die Erfahrungen von Psychotherapeuten für Erwachsene zeigen, dass viele ihrer Patientinnen und Patienten ihre Störungsbilder bereits im Kindes- und Jugendalter ausgebildet haben. Je länger mit einer Psychotherapie gewartet wird, desto höher ist die Chronifizierungsrisiko.

".... Naja, aber so eine kleine "Macke", was macht das schon..."

Die psychosozialen Folgen einer chronifizierten psychischen Erkrankung sind erheblich und werden oft unterschätzt. Psychische Störungen führen nicht nur zur Einschränkung der eigenen Lebensqualität, sondern meist zu hohen Fehlzeiten in Schule und Beruf und zu vielen Krankenhaus- und Psychiatrieaufenthalten - das macht nicht jeder Arbeitgeber mit. Es hat sich gezeigt, dass psychisch Kranke sehr oft einen deutlichen sozialen Abstieg erleben (hierzu).

Experten sprechen davon, dass psychische Erkrankungen die Lebenserwartung von Betroffenen um bis zu 20 Jahre verkürzen können (hierzu und hier).

Wie das?

Zum einen erhöhen die meisten psychischen Erkrankungen - wenig überraschend - das Suizidrisiko. Es gibt jedoch aber auch mittelbare Prozesse, die Betroffenen Lebensjahre "klauen". Psychisch Erkrankte schaffen es seltener, sich gesund zu ernähren, Sport zu treiben oder auf Suchtmittel zu verzichten. Ständiges Erleben von Stress und die Ausschüttung von Stresshormonen beeinträchtigt das Herz- Kreislaufsystem. Körper und Seele sind nie voneinander getrennt zu betrachten, sondern als eine Einheit zu sehen. Wenn die Seele leidet, wird der Körper fast immer mit beeinträchtigt und nicht selten deutlich geschädigt.

Wenn der Verdacht besteht, dass bei Ihrem Kind eine psychische Störung vorliegt, zögern Sie daher nicht, sich Hilfe zu suchen.